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Robert

Robert neuer „Philosophenkönig“?

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Robert Hönig aus der Klasse 11 hat erfolgreich am Bundeswettbewerb Philosophischer Essay teilgenommen. Als einer von 25 Texten wurde sein Essay aus über 1000 Einsendungen ausgewählt. Robert fährt in dieser Woche nach Münster zur Winterakademie. Dort nimmt er an der nächsten Runde des Wettbewerbs teil. Die besten zwei Teilnehmer fahren vom 12. bis 15. Mai zur XXIV. Internationalen Philosophie-Olympiade in Gent (Belgien).

Sebastian Uffmann

 

Herr Uffmann und newsroom25 wünschen Robert viel Erfolg und tiefgründige Gedanken!

Hier ist Roberts Aufsatz für Euch:

Richten übers Richten

Selbst bei der völlig vom Kontext isolierten Betrachtung des Kertesz-Zitats „Der Moralist kann kein Künstler sein, weil er die Welt nicht schafft, sondern über sie richtet und so eine völlig überflüssige Arbeit erledigt“, merkt der Leser schnell, welche Fülle von Behauptungen in ihm verborgen sind. Da diese wie Karten in einem Kartenhaus aufeinander aufbauen, genügt es, lediglich eine ebendieser zu widerlegen, um das gesamte Konstrukt zum Umstürzen zu bringen und die gewagte These zu entkräften.

Die Spitze dieses Kartenhauses bilden dabei die Thesen „Der Moralist ist kein Künstler“, sowie im Umkehrschluss „Der Künstler ist kein Moralist“. Darunter folgen die stützend ansetzend, besser als Definitionen zu betrachtenden „Karten“, „Der Moralist richtet über die Welt“ und „Der Künstler schafft die Welt.“ Schließlich bilden die vier Grundaussagen  „Das Richten ist eine Arbeit“, „Das Schaffen ist eine Arbeit“, „Der Moralist ist überflüssig“ und „Der Künstler ist nicht überflüssig (brauchbar)“, das Fundament für Kertesz‘ Gebilde. Diese möchte ich im Folgenden separat hin auf ihre Gültigkeit überprüfen. Es gilt für die letzten beiden Aussagen zu beachten, dass hier nicht die Tätigkeiten „Schaffen“ und „Richten“ bewertet werden, sondern die sie Ausführenden. Das ist aufgrund der bereits aufgestellten Definitionen, durch welche sich Moralisten und Künstler lediglich durch ihre Funktion auszeichnen, äquivalent zu ersterem.

Beginnen wir mit der Annahme, das Richten sei eine Arbeit. Brächte man es zustande, einen alten Römer damit zu konfrontieren, wäre aller Wahrscheinlichkeit nach nur verwundertes Kopfschütteln die Reaktion. Schon allein die Herkunft des Wortes „Arbeit“ vom lateinischen „avrum“ (Acker), verdeutlicht die Fokussierung der zu dieser Zeit lebenden Menschen auf die Arbeit als einen den Lebensunterhalt absichernden, schöpferischen Prozess. Auch im alten Griechenland äußerte sich bereits Aristoteles zu der Frage nach der Bedeutung von Arbeit. Nach ihm stelle sie in ihrer Art, zumeist von Sklaven und Knechten verrichtet zu werden, gar den Gegensatz zur Freiheit dar, und sei ein Symbol für Zwang[1]. Das stünde jedoch auch im Konflikt zu einer sich aus der zweiten Grundannahme, („Das Schaffen ist eine Arbeit“), ergebenden Behauptung, Künstler arbeiteten: Nicht nur an modernen Beispielen wie dem chinesischen Künstler Ai Weiwei, der durch seine Protestaktionen gegen diverse Menschenrechtsverletzungen quasi zu einem Symbol der Freiheit geworden ist, sondern auch gerade durch die in der Antike zum Bürgertum zählenden Künstler wie Bildhauer, deren Tätigkeiten man per se nicht als Arbeit betrachtet hätte, zeigt sich diese Unstimmigkeit.
Betrachten wir dagegen die jüngere Zeitgeschichte von der Renaissance bis zur Gegenwart, wird die Debatte dichter und kontroverser. Immanuel Kant sieht Arbeit noch als „beschwerliche, und nur durch den Erfolg ergötzende Beschäftigung“[2], was an sich noch relativ nahe an die Antike herankommt. Zumindest einige Künstler gibt es jedoch auf jeden Fall, die Freude an ihrer Tätigkeit empfinden. Aus einer komplett gegensätzlichen Position heraus wird Arbeit von den Sozialisten, konkret z.B. denen der DDR, betrachtet. Hier wird von einer Arbeitsmoral der Freude ausgegangen, was auch den Anreiz für freiwillige und eigenständige Produktivität bieten soll[3]. Doch egal ob mit oder ohne Freude, der entscheidende Wandel in der Neuzeit ist, dass erstmals eine abstraktere Definition der Arbeit eingeführt wird, die auch geistige Tätigkeiten mit einbindet.
Erst solch eine Betrachtungsweise öffnet die Tür zum Verständnis von Kertesz‘ Zitat. Ein von den altertümlichen Definitionen ausgehender Mensch würde dieses nämlich als falsch ansehen, jedoch aus anderen Beweggründen, als man sich vielleicht denken mag: Für ihn wären weder Moralisten noch ein Gros der Künstler als Verrichter nutzloser Arbeit anzusehen, sie würden seiner Meinung nach überhaupt keine Arbeit verrichten. Erstere aufgrund mangelnder Verrichtung körperlicher Arbeit, letztere zumindest teilweise aufgrund fehlender Unzufriedenheit während der Arbeit (frei nach den Worten Ernst Ludwig Kirchners, „Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel“, welche manch selbstgefällige Haltung offenbaren). Das muss nicht bedeuten, das die eine oder andere, die frühere oder spätere Ansicht, die richtige ist, es offenbart lediglich die notwendige Vorsicht, die bei der Betrachtung dieses Zitats im Bezug auf zeitgenössische Meinungen angebracht ist. So kann man sicherlich getrost behaupten, dass die Moralistik beim täglichen Überlebenskampf der nomadischen Gesellschaft in der Steinzeit eine untergeordnete Rolle spielte, zumindest im Vergleich zur Kunst, die den Menschen Abwechslung und Unterhaltung bot, was viele prachtvolle Höhlenmalereien verdeutlichen.
Aufgrund der größeren Relevanz erscheint es mir jedoch sinnvoll, Kertesz‘ Zitat im Folgenden nur noch im modernen Kontext zu betrachten, zumal er ja auch diesem angehört. Hier ergibt sich für die Moralisten eine ganz andere Bedeutung, da mit den immer tiefgreifenderen Möglichkeiten des Menschen sich auch immer mehr die Frage nach dessen Beweggründen für sein Handeln stellt.

Darum sei an dieser Stelle die dritte Grundaussage des Zitats vorgestellt: „Der Moralist ist überflüssig.“ Gehen wir beim Moralisten nun, wie Kertesz, von einer Person aus, welche die Handlungen seiner Mitmenschen beurteilt, also über sie „richtet“, und deswegen auch überflüssig sei. Zögen wir unsere Grundaussage nun ins Extreme, bedeutete das, dass die Welt genauso gut ohne Personen auskommt, die sagen, was gut und was schlecht ist, also beispielsweise in Bezug auf das Staatswesen auch ohne eine Judikative: Im Idealfall sollte diese schließlich versuchen, über die Missetäter nach geltenden gesetzlichen Maßstäben zu richten, die ja zumindest bei einer vorherrschenden Diskursethik auch die ethischen Ansichten und die Moral der Bevölkerung widerspiegelt. Doch auch wenn man diesem Gedanken zunächst intuitiv ablehnend gegenübersteht, gibt es doch andere Gesellschaftsformen, die sehr gut ohne solche „Richter“ auskommen können. Diese  müssten dann entweder aus Individuen bestehen, deren Handlungen durch ihre moralischen Ansichten so vollkommen und gut sind, dass keine weitere Korrektur vonnöten wäre, oder aber könnten diese Individuen von Natur aus so unveränderbar stursinnig geschaffen sein, dass jegliche Korrekturversuche der ethischen Ansichten vollkommen sinnlos seien. Die Idee des ersten Szenarios spiegelt sich in den Vertretern der unendlichen Perfektibilität wieder, die vor allem zur Zeit der Aufklärung eine Rolle spielte[4]. Bevor man jedoch die Realisierung einer solchen Gesellschaft zustande brächte, fände man sich eher damit ab, an die zweite These zu glauben. In der Realität tut sich in unserer Gesellschaft ein Egoismus der Menschen auf, der ein Paradox schafft: Zwar lassen Nachrichten wie die Terroranschläge vom IS den Moralisten als letzte Instanz, der die Menschen von der Falschheit ihrer Handlungen überzeugen könnte, dringender denn je erscheinen. Doch gleichzeitig führen einem die anscheinend wirkungslos verklingenden Ermahnungen der Terrororganisation von Mullahs und Moslems aus aller Welt die von Kertesz angesprochene „Überflüssigkeit“ dieser Moralisten vor Augen. Doch wie sieht die Situation aus, wenn man diese makroskopische Betrachtung verlässt und sich dem Alltagsmoralisten zuwendet? Erstaunlicherweise ist hier der Begriff regelrecht negativ besetzt[5]. Mögen die meisten Menschen einer Verurteilung des Islamischen Staats noch zustimmen, so liegt dies letztlich doch auch daran, dass sich diese nicht gegen sie selbst richtet. Nehmen Moralisten ihre erzieherische Funktion jedoch auch im Alltag wahr, kann sich das Blatt schnell wenden: Wer hört schon gerne, dass man das Verpackungsmaterial aus Liebe zur Umwelt doch bitte nach Plastik und Papier trennen sollte? Auch Friedrich Nietzsche äußert sich in einer Stellungnahme zu den französischen Moralisten ähnlich: „Larochefoucauld und jene anderen französischen Meister der Seelenprüfung […] gleichen scharf zielenden Schützen, welche immer und immer wieder ins Schwarze treffen – aber ins Schwarze der menschlichen Natur. Ihr Geschick erregt Staunen, aber endlich verwünscht vielleicht ein Zuschauer, der nicht vom Geiste der Wissenschaft, sondern der Menschenfreundlichkeit geleitet wird, eine Kunst, welche den Sinn der Verkleinerung und Verdächtigung in die Seelen der Menschen zu pflanzen scheint.“[6] Hier zeigt sich eine nicht nur überflüssige, sondern eventuell auch negativ wirkende Unart der Moralisten: Durch ihre entmündigende Art, die auf Mitmenschen geradezu überheblich wirken kann, können diese eine irrationale Trotzhaltung entwickeln. Das lässt sich hevorragend bei Jugendlichen, auch bei mir selbst,  beobachten, die die erwähnte Mülltrennung dann erst recht nicht durchführen, sondern bewusst auch noch anderes Material in die falsche Tonne werfen.

Die Überflüssigkeit der Moralisten hin oder her, im Kontrast dazu impliziert Kertesz‘ Zitat ja auch noch als vierte Grundaussage die entsprechende Brauchbarkeit der Künstler als schaffende Wesen. Doch wieder entsteht hierdurch ein logischer Konflikt: Wäre das geschaffene Werk eines Künstler nämlich noch immer brauchbar, wenn ihre einzige oder hauptsächliche Funktion darin besteht, über die Welt „zu richten“, also letzten Endes implizit die Tätigkeit eines Moralisten zu verrichten? Ein sehr prominentes Beispiel ist das Gemälde „Der letzte Schrei“[7] des Künstlers Adolf Frankl, mit dem er die Verbrechen des Holocausts verurteilt. Doch auch, wenn dieses über die Gräueltaten richtet, sie be- und verurteilt, stellt es in seiner Wirkung einen Unterschied zum der des Moralisten dar, welcher den Massenmord einfach kritisieren würde: Während letztere Tat das zuhörende Individuum nämlich direkt mit einer Meinung konfrontiert und somit auch die bereits erwähnten unerwünschten Effekte zur Folge haben kann, ist die Kunst stiller. Anstatt dem Betrachter die eigenen Ansichten aufzudrängen, verhält sie sich passiv und präsentiert ihren Inhalt auf eine eher darstellende Art und Weise. Hierdurch wird es dem Betrachtenden ermöglicht, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, das Werk selbst zu interpretieren und schließlich auch zu einem eigenen Urteil zu kommen.
Der spitzfindige Leser mag jetzt erwidern, dass es freillich auch jene Art der aggressiven Kunst gibt, die sich in ihrer Wirkung von einem Moralisten nicht unterscheidet, und als Beispiel die Band Pussy Riot mit ihrer kontrovers diskutierten Protestaktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale nennen.
Hielten wir uns an Kertesz, wäre dies jedoch keine Kunst. Diese müsste ja laut einer unserer Grunddefinitionen des Kartenhauses schaffend agieren, was bei dieser Demonstration jedoch nicht der Fall wäre; die drei Beteiligten Frauen haben ja lediglich eine temporäre Kundgebung durchgeführt.
Als letztes Argument könnte der Leser folgendes Beispiel konstruieren: Angenommen sei ein von einem Künstler geschaffener Roboter, der fortwährend mit seiner Audioausgabe Kritik an den Moralisten von sich gibt und aufgrund seiner Solarversorgung dies (zum Leid aller) auch bis in alle Ewigkeiten täte. Somit hätte man doch ein Kunstwerk geschaffen, das zugleich moralisierend ist. Auf diese Behauptung lässt sich mit den Worten des Regisseurs Ulrich Köhler reagieren, „Die Logik des Politischen ist verschieden von der Logik des Künstlerischen“. Obwohl es in Kertesz‘ Zitat nicht direkt erwähnt wird, kann man sagen, dass der Sinn der Kunst nicht in direkten Aussagen, sondern eher in der denkanregenden Bedeutung zu suchen ist. Es wäre dann zwar immer noch möglich, den Roboter als Kunst einzustufen, in so einem Fall wäre dann die Audiowiedergabe des Roboters nicht als Kritik an den Moralisten, sondern eben nur als eine Audiowiedergabe zu betrachten, die es zu interpretieren gilt.

Um auf unser anfängliches Kartenhaus zurückzukommen, gilt es nun die Frage zu beantworten, ob eine der vier unteren Karten an Stabilität verloren hat.  Hinsichtlich der ersten beiden Aussagen, welche das Schaffen und Richten als Arbeiten betrachten, ist dies nur temporär möglich; schließlich hat sich der Arbeitsbegriff im Laufe der Zeit mehrmals stark gewandelt, wodurch sich hieraus keine allgemeingültigen Erkenntnisse ableiten lassen. Anders sieht das mit den beiden letzten Karten aus, die von  dem Nutzen der Künstler und Moralisten handeln. Obgleich ich diesen für erstere Berufsgruppe zumindest nicht widerlegen konnte, sieht das für letztere schon ganz anders aus. Zwar komme ich zu dem Schluss, dass man dem Alltagsmoralisten äußerst kritisch gegenüber stehen sollte. Doch andererseits hat sich in der Praxis eben auch gezeigt, dass eine Gesellschaft komplett ohne Moralisten doch nicht voll funktionsfähig ist. Da Kertesz deren Überflüssigkeit so absolut behauptet, kann ich das auch absolut verneinen.
Das Kartenhaus stürzt zusammen, die meisten Karten bleiben jedoch intakt.

[1]Thomas Geisen: Arbeit in der Moderne. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, S.45.

[2]Anthropologie A 172. Zitiert nach Bernd Kleinhans: Der „Philosoph“ in der neueren Geschichte der Philosophie. Verlag Königshausen und Neumann GmbH, 1999, S. 116.

[3]Karin Pöppel: Organisationale Strategien und Maßnahmen zur Motivierung abhängig Beschäftigter in Deutschland im 20. Jahrhundert. Diplomarbeit an der Bergischen Universität, 1996, S. 31.

[4]Helmut Reinalter: Aufklärungsprozesse seit dem 18. Jahrhundert. Königshausen & Neumann GmbH, 2006.

[5]Siehe auch: „Moralist“, http://www.duden.de/rechtschreibung/Moralist, Bedeutungsübersicht Punkt zwei, 19. November 2015.

[6]Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Karl-Maria Guth, 2013, S. 67.

[7]„Der letzte Schrei – Am Ende – Adolf Frankl“, http://adolf-frankl.com/painting/der-letzte-schrei-am-ende/, 19. November

 

 

Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Vorsokratiker, Download 6.2.2016

 

 

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