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„Wir waren einfach alle total geschockt“ – Interview mit Dana Müller über die Anschläge in Paris

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Die ganze Welt blickt auf Paris, die Anteilnahme ist groß. Kaum jemand kann sich aber richtig vorstellen, wie es den Parisern gehen muss, die ja das aktuelle Geschehen hautnah miterleben. Ich habe darüber mit Dana Müller gesprochen, die nicht nur unsere ehemalige Mitschülerin, sondern seit einem Jahr auch Bürgerin dieser so verwundeten Stadt ist. 

NR25: Wie hast du die Ereignisse von Freitagnacht erlebt? 

Dana: Ich war auf dem 18. Geburtstag meiner Freundin. Das war nicht in Paris, sondern in La-Celle-Saint-Cloud , das ist ein Vorort von Paris, circa sechs Kilometer vom Eiffelturm entfernt. Auf der Party haben wir das Fußballspiel im Hintergrund laufen lassen. Von dem Spiel hat man nur ab und zu mal was mitbekommen und auf einmal hieß es: „Leute, macht mal laut, da sind anscheinend Bomben gezündet worden.“ Wir wussten dann nicht, was genau passiert ist und haben uns natürlich sofort Sorgen gemacht um die Leute im Stadion, zwei Freunde von mir waren auch dort. Trotzdem haben wir den Ernst der Lage eigentlich noch nicht kapiert, denn in Paris werden andauernd irgendwo kleine Attentate verübt. Als das Spiel dann vorbei war, haben wir Nachrichten geguckt und auch von der Geiselnahme im Konzertsaal Bataclan erfahren. Das war auch richtig heftig für uns, weil viele von uns vor einem Jahr zusammen auf einem Konzert dort waren. Natürlich waren wir dann alle geschockt und wir haben alle versucht, unsere Eltern anzurufen, ob es ihnen gut geht. Wir wurden dann selber auch angerufen von Verwandten. Danach wurden ganz viele auch sofort abgeholt. Viele von meinen Freunden mussten dann noch zurück in die Stadt rein und die Metros fuhren aber nicht, da mussten dann auch die Eltern kommen.

NR25: Als du die Schreckensnachrichten verfolgt hast, was ging dir da durch den Kopf? 

Dana: Das hört sich so dahergesagt an, aber wir kamen uns vor, wie im falschen Film und dachten nur: „Das kann doch jetzt nicht wahr sein.“ Du denkst halt nicht, dass so etwas nur wenige Kilometer von dir entfernt passieren kann. Wir waren einfach alle total geschockt. Viele haben sich dann abgekapselt und sind raus aus dem Haus, weil sie es einfach nicht mehr hören konnten. Drei Freundinnen von mir haben geweint und ich war auch kurz davor.

NR25: Wie haben deine Familie und du die drei Tage der Staatstrauer verbracht? 

Dana: Ich hatte einen Freund zu Besuch da. Wir sind dann natürlich nicht wie geplant zum Eiffelturm oder in die Stadt gefahren. Meine Eltern sind zwar normal einkaufen gegangen, aber in eine Mall, die außerhalb von Paris ist. Um ehrlich zu sein, wir konnten nicht richtig trauern, weil… Du guckst dir halt immer wieder die Nachrichten an und du kannst immer noch nicht glauben und fassen, was da eigentlich gerade passiert. Und was mich auch einfach nicht in Ruhe lässt, ist, dass wir da auch waren und dass es uns genauso hätte treffen können.

NR25: Von Hashtags über Gebäude in Frankreich-Farben bis hin zu Solidaritätsbekundungen von Politikern: Welche Gefühle lösen diese Gesten bei dir aus? 

Dana: Ich bin ja nicht Französin und wohne auch erst seit einem Jahr hier, aber ich finde es natürlich schön, dass man das macht. Irgendwo ist dann aber auch der Punkt erreicht, wo es einfach zu viel ist. Mit den Hashtags ist das dann zum Beispiel so, dass viele Leute das ausnutzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen für etwas, das sie eigentlich überhaupt nicht interessiert. Ich finde es richtig doof, wenn man so etwas nur aus Gruppenzwang macht. Außerdem hilft ein Hashtag jetzt auch nicht unbedingt. Klar, du kriegst die Solidarität, aber letztendlich werden für den Libanon auch keine Hashtags gemacht. Das ist wie bei Charlie Hebdo: währenddessen wurden 300 Menschen in Afrika abgeschlachtet und die ganzen Medien berichteten nur über Paris.

NR25: Wenn du die aktuellen Geschehnisse mit den Reaktionen auf den „Charlie Hebdo“-Anschlag vergleichen müsstest – Was ist anders?

Dana: Dass du viel mehr involviert bist, dass du viel näher dran bist. Jeder hätte ein Opfer sein können, wogegen es bei Charlie Hebdo ein direkter Anschlag auf die Zeitung war.

NR25: Haben die Attacken Auswirkungen auf deinen Alltag? Wenn ja, welche? 

Dana: Klar. Erstens in dem Sinne, dass ich vorerst nicht in die Stadt reinfahre. Ich hatte zum Beispiel geplant, diese Woche ins Kino zu gehen, aber das werde ich auch nicht machen. Viele meiner Freunde und ich wollen vor allem auch nicht mehr abends in die Stadt. Ich weiß auch gar nicht, ob meine Eltern mir das erlauben würden, aber das ist ja verständlich. Auch mir ist das Risiko zu roß. Zweitens wird der Vigipirate[1] von Charlie Hebdo verlängert. Für unsere Schule bedeutet das, dass wir überhaupt nicht ins Schulgebäude reinkommen, ohne dass uns jemand von Innen öffnet. Uns wurde heute außerdem gesagt, wir sollten niemanden, den wir nicht kennen, in die Schule reinlassen. Dann wurde unser Weihnachtsbasar abgeschafft, der Ende November stattfinden sollte. Heute fand natürlich kein regulärer Unterricht statt. Es gab eine Versammlung in der Aula und unsere Direktorin hat mit uns über die Anschläge geredet. Sie hat uns auch darüber informiert, dass bis jetzt niemand aus der Deutschen Schule Paris direkt davon betroffen ist.

NR25: Einen Tag nach dem Terrorakt rief der IS zu weiteren Anschlägen in Frankreich auf. Macht dir das Angst? 

Dana: Ja. Ich habe es ja schon gesagt: Ich werde nicht in die Stadt gehen, genau wegen solchen Drohungen. Ich finde das sollte einem auch Angst machen. Klar ist es gut, wenn viele in Frankreich Mut zeigen wollen, von wegen „Ihr macht uns keine Angst“, aber letztendlich haben die Terroristen in diesem Punkt trotzdem die Oberhand. Die meinten ja selber, der Anschlag wäre nur ein kleiner Tropfen gewesen. Und wenn das ein kleiner Tropfen ist, will ich nicht wissen, wie ein ganzer Eimer ist.

NR25: Nach dem Angriff auf Charlie Hebdo verstärkte Frankreich die Innere Sicherheit und mobilisierte unter anderem 10 000 Soldaten. Trotzdem konnte ein weiterer Anschlag nicht verhindert werden. Hat man da überhaupt noch Vertrauen in die französische Regierung? 

Dana: Eigentlich schon. Nach Charlie Hebdo wurden die Sicherheitsmaßnahmen ja drastisch erhöht. Das Problem war, dass die Alarmbereitschaft mit der Zeit abgeebbt ist. Deswegen gab es dann wieder eine Sicherheitslücke. Woher sollte man denn auch wissen, dass so etwas nochmal passiert? Jetzt ist es aber so, dass sogar bei uns in Saint-Cloud Soldaten auf der Straße stehen. Man fühlt sich dadurch schon irgendwie sicherer.

NR25: Während der französische Präsident François Hollande nun versucht, den Ausnahmezustand in Frankreich zu verlängern, tagt in der Türkei der G20-Gipfel und diskutiert mögliche Aktionen zur Terrorismusbekämpfung. Was wünscht du dir von der Politik? 

Dana: Ich wünsche mir, dass die Situation unter Kontrolle gebracht wird. Und ich wünsche mir, dass nicht noch mehr unschuldige Menschen getötet werden, wegen Entscheidungen, die von hohen Politikern getroffen wurden. Was die Flüchtlinge angeht: Ich finde, man muss stärker kontrollieren, wer eigentlich ins Land einreist. Trotzdem wäre es eine dämliche Idee wegen den Anschlägen keine Flüchtlinge mehr aufzunehmen, denn genau vor diesem Terror fliehen die ja aus Syrien. Und wenn man sie nicht aufnimmt, wo sollen die denn sonst anders hin?

NR25: Vielen Dank für das Interview! 

(af)

[1] le plan Vigipirate: Begriff für französische Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz gegen Terrorismus

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