newsroom25

Der DSP-Newsblog

IMG_0616-7

Lichtblick für Flüchtlinge am Prager Hauptbahnhof 

Ein Kommentar

Wenn man sich dieser Tage in den tschechischen Medien über Flüchtlinge informieren will, stößt man häufig auf Parolen wie „Migration ist Landesverrat.“ Zum Glück gibt es hier in Tschechien aber auch Menschen mit anderen Ansichten, wovon ich mich heute im Interview mit Sára Vidímová, einer Politologie-Studentin, und Zuzana Schwarzová, die als Übersetzerin, Dolmetscherin und Deutschlehrerin arbeitet, überzeugen konnte. Sára, Zuzana und 300 weitere Freiwillige kümmern sich täglich um Flüchtlinge am Prager Hauptbahnhof, die aus Erstaufnahmelagern entlassen wurden. Sie helfen den Flüchtlingen bei der Orientierung am Bahnhof, der Beschaffung von Informationen oder zum Beispiel beim Kauf einer Fahrkarte.

NR25: Wie entstand die Idee für dieses Projekt? 

Sára: Es fing alles in der Zeit von August bis September an, als sich die Situation in Budapest immer weiter verschlechterte und niemand wusste, wie das alles hier verlaufen wird. Die Idee, dass wir dann hier am Hauptbahnhof aktiv werden, entstand durch eine Vorlesung im Autonomen sozialen Zentrum Klinika, in der es darum ging, wie man als Freiwilliger helfen kann. Daraus entstand dann spontan eine Demonstration am Hauptbahnhof. Wir haben hier auf Züge gewartet, mit welchen Flüchtlinge aus Erstaufnahmelagern ankommen sollten. Am Ende kam eigentlich niemand und ich habe dann Monika Horákova kontaktiert. Sie hat die Initiative aufgegriffen, weiterentwickelt und festgelegt, wie das Projekt in Zukunft laufen soll.

NR25: Welche Reaktionen gibt es auf eure Arbeit? Was überwiegt: Zuspruch oder Widerspruch? 

Zuzana: Beides. Ich muss sagen, dass das von Tag zu Tag verschieden ist. Aber vielleicht überwiegen doch die positiven Reaktionen. Sehr oft kommen Menschen zu uns, um Geld zu spenden oder auch einfach nur, um uns zu loben oder uns zu danken.

Sára: Die Reaktionen sind unterschiedlich. Ich hatte neulich ein Klassentreffen, bei dem die Reaktionen meiner ehemaligen Mitschüler sehr schlimm waren, aber ansonsten kommt es ganz darauf an. Ich habe auch stark den Eindruck, dass es vor allem hier lebende Ausländer sind, die uns zum Beispiel finanziell unterstützen. Aber auch Tschechen.

NR25: Beschreibt einen regulären Tagesablauf an eurem Stand. 

Zuzana: Zurzeit beginnen wir hier um halb sieben in der Früh, um die ersten ankommenden Züge zu kontrollieren. Die letzte Schicht endet um Mitternacht, wobei jede Schicht drei Stunden lang ist. Das ist für uns sehr günstig, weil wir uns die Zeit gut aufteilen müssen, da die meisten von uns studieren oder auch arbeiten müssen. Unsere Aufgabe während der Schichten besteht darin, Züge zu kontrollieren, in denen Flüchtlinge sein könnten. Nicht immer wissen wir, ob tatsächlich Flüchtlinge mit den Zügen ankommen. Die Züge kommen aus Brno, Ostrava und Mladá Boleslav.

NR25: Wie viele Flüchtlinge kommen täglich zu euch?

Zuzana: Das ist auch immer unterschiedlich. Gestern wurden in einer Meldung – da uns jetzt auch das Rote Kreuz Bescheid gibt, sobald sie jemanden entlassen – 30 Menschen angekündigt, aber so etwas ist eine Ausnahme. Manchmal kommt niemand und sonst kommen täglich fünf Flüchtlinge, dann wieder zwei oder acht an.

NR25: Was könnt ihr über die Begegnungen mit den Flüchtlingen sagen? Wie fühlen sie sich und welche Probleme gibt es eventuell?

Zuzana: Zu den Gefühlen. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen schon so ergeben sind, dass sie es zum Beispiel überhaupt nicht mehr eilig haben. Die Flüchtlinge haben, wenn sie zu uns kommen, ja bereits zwei bis drei Monate in einem Aufnahmelager hier verbracht. Wir sprechen mit ihnen und sie verarbeiten das irgendwie. Mit der Zeit fangen sie dann auch an zu lachen und so was. Das ist dann wiederum sehr schön. Meistens sind die Flüchtlinge unglaublich dankbar und bedanken sich immer wieder bei uns. Oft haben wir zu ihnen auch länger Kontakt, sodass sie uns dann schreiben, dass sie gut angekommen sind oder wo sie sich befinden. Probleme gibt es keine, wenn dann nur sprachliche, aber wir haben ja Übersetzer, die wir telefonisch erreichen können.

NR25: Welche Hoffnungen haben die Flüchtlinge? Was wollen sie in der Tschechischen Republik? 

Zuzana: Naja in der Tschechischen Republik wollen sie meistens…weg. Die wenigsten möchten hier bleiben, unter anderem auch aufgrund ihrer Erfahrungen aus den Lagern. Die Flüchtlinge wollen meistens nach Deutschland, Österreich oder Schweden.

NR25: Was ebenfalls abschreckend auf die Flüchtlinge wirken könnte, sind ja die negativen Stimmen in der tschechischen Bevölkerung. Was muss sich eurer Meinung nach tun, damit sich die Meinung der Menschen ändert?

Sára: Ich denke, dass das ein wirklich komplexes Problem ist. Meiner Meinung nach liegt das größte Problem darin, dass es in der tschechischen Bevölkerung eine starke Angst vor dem Fremden gibt. Ich glaube, schuld daran ist unser Bildungssystem, weil wir Andersartigkeit einfach nicht gewohnt sind. Das zweite Problem sind natürlich die Medien, welche die Situation auf so eine schlimme und subjektive Weise kommentieren, dass in den Menschen unnötige Ängste geweckt werden. Ein weiteres Problem sind die politischen Eliten, die sich genauso verhalten. Wenn man sich mal anguckt, wie sich Politiker in Frankreich oder in Deutschland äußern, dann ist das ein komplett anderes Benehmen als hier. Keiner unserer Politiker schafft es, die Menschen hier zu beruhigen und ihnen rational die Situation zu erklären. Sie sind Teil der Hasswelle.

Zuzana: Ich sehe die Situation aber auch optimistisch, denn am Anfang gab es Umfragen, die zeigten, dass 80 oder 90 Prozent aller Menschen die Flüchtlinge zurück schicken würden. Heute sagen das „nur“ noch 60 Prozent. Es gibt also eine positive Entwicklung.

Sára: Ich glaube außerdem, dass wir versuchen sollten, die Flüchtlinge zu überreden, hier zu bleiben und einen Antrag auf Asyl zu stellen. Dadurch würden die Tschechen hier endlich in Kontakt mit ihnen kommen und merken, dass das ganz normale und gebildete Menschen sind.

NR25: Ist es euch mit eurer Arbeit gelungen, ein paar Menschen positiver zu stimmen? 

Sára: Ich weiß nicht, ob es so viel bringt. Ich habe viele Bekannte, die nicht in so einem Netzwerk, wie dem unseren der Sonnenscheine (Anm. d. Redaktion: der positiv Denkenden) sind und diese kommen einfach überhaupt nicht in Kontakt mit Flüchtlingen oder mit einer Meinung, die der des Mainstreams widerspricht. Dann gibt es aber auch Menschen, mit denen man darüber reden kann und wenn ich denen dann von meinen eigenen Erfahrungen erzähle, kann das ihre Meinung ändern. Das habe ich bereits erlebt. Es gibt dann aber auch solche Menschen, die einem nicht zuhören wollen und die für andere Sichtweisen überhaupt nicht empfänglich sind, sodass sie ihre Meinung wohl nie ändern werden.

NR25: Beendet bitte folgenden Satz: Wenn ich an die Flüchtlingspolitik der tschechischen Regierung denke, fühle ich mich… 

Zuzana: Peinlich.

Sára: Das wollte ich auch sagen! (beide lachen)

NR25: Wie denkt ihr, wird sich die Flüchtlingskrise weiterentwickeln?

Zuzana: Ich hatte eigentlich gedacht, dass der Zustrom mit dem Kälteeinbruch weniger wird, aber das ist bisher nicht der Fall. Wir müssen die Situation so nehmen, wie sie ist und helfen, wo es nur geht. Ich hoffe, dass sich mit der Zeit andere Länder – vor allem die Vysegrad-Staaten – ohne weitere Diskussion der Quotenregelung anpassen. Also jetzt müssen sie es ja, aber kurz gesagt: Sie sollen auch Deutschland, welches sich eine so große Last aufgebunden hat, helfen. Wenn das passiert und man die Last zwischen den Ländern aufteilt, wird auch die Krise weniger schlimm sein. Ich glaube, wir schaffen das.

Sára: Ich denke auch, dass die Situation durch die Kälte und den Winter schlimmer wird, weil immer noch genau so viele Menschen kommen und es Probleme geben wird, weil wir zum Beispiel nicht genügend materielle Hilfe leisten können. Die Menschen haben nichts zum Anziehen, ihnen ist einfach kalt. Die Lösung des Problems muss schneller erfolgen, wir können die Menschen nicht einfach irgendwo erfrieren lassen.

NR25: Vielen Dank für das Interview – und vor allem – für euer Engagement!

(af)

Link: https://www.facebook.com/groups/PomocUprchlikumNaHlavaku/

image

One thought on “Lichtblick für Flüchtlinge am Prager Hauptbahnhof 

  1. Pingback: Recht weihnachtlich | newsroom25