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Im Schatten der Abifahrt

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Ein kurzer Moment, ein Augenblick und schon waren die Schreckensbilder weg. Trotzdem haben sie sich in unseren Köpfen eingebrannt. Bilder von Flüchtlingen in Belgrad, die gerade jetzt wahrscheinlich immer noch auf einer Rasenfläche zwischen Hauptbahnhof und zentralem Busbahnhof in der prallen Sonne sitzen. Bei Temperaturen, die uns selbst im Schatten zu viel waren. Vor ihren Zelten, die unsere Unterkunft wie ein Luxushotel aussehen ließen. Hungrig wie wir, mit dem riesen Unterschied, dass wir kurze Zeit später in einem Restaurant etwas essen konnten. Auch wenn uns von den Flüchtlingen in diesem Moment nur die Busfensterscheibe trennte – es lagen Welten zwischen uns.

Die Flüchtlinge in Belgrad kommen vor allem aus Nordafrika und dem Nahen Osten. Mehr als die Hälfte von ihnen stammt aus Syrien, ein Viertel aus Afghanistan, weitere 10 Prozent kommen aus dem Irak und einige sind auch aus Pakistan. Die Zahl der Flüchtlinge rund um die Belgrader Bahnhöfe beträgt 4000 und sie bleibt konstant, denn die Migranten kommen und gehen. Alle warten sie auf einen Zug oder einen Bus, der sie weiter nach Ungarn bringt. Dieses Erlangen wird nun wohl bald ein Ende haben, denn vor wenigen Tagen, am 12. September, wurde das letzte freie Stück der ungarisch-serbischen Grenze mit einem Stacheldrahtzaun verriegelt. Bis Dienstag können die Flüchtlinge die Grenze noch überqueren, danach wird sie komplett dicht gemacht. So erlaubt das ungarische Gesetz, illegale Grenzüberschritte künftig mit Haftstrafen zu versehen.

Bereits im Juli stellte die rechtsnationale Regierung unter Präsident Viktor Orbán den Auftrag für den Bau des 175 Kilometer langen und 3,5 Meter hohen Grenzzauns. Seither strömen immer mehr Flüchtlinge über die Balkanroute[1] nach Ungarn. Ähnlich wie Serbien, ist auch Ungarn nur ein Transitland, denn die meisten Flüchtlinge haben ein anderes Ziel vor Augen: Deutschland. Und trotzdem macht Ungarn derzeit nur noch Schlagzeilen mit seiner restriktiven Flüchtlingspolitik. Die brutale Vorgehensweise der ungarischen Polizei gegen Flüchtlinge, Orbáns Äußerung es gäbe „kein Grundrecht auf ein besseres Leben“ sowie dessen völlig irrationaler Vorschlag, Syriens Nachbarstaaten wie die Türkei, ein kriegführendes Land (Newsroom25 berichtete), finanziell zu unterstützen – all diese Ereignisse lassen Serbien dagegen fast wie ein Flüchtlingsparadies erscheinen. Serbien, das seit Beginn des Jahres selbst mit über 96 000 Flüchtlingen zurechtkommen musste, verhält sich in der Flüchtlingsfrage europäischer als so mancher EU-Staat und erntet von vielen Seiten Zuspruch. Es gibt weder rechtsextreme Ausschreitungen wie in Deutschland, noch Demonstrationen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wie in Tschechien. Die serbische Regierung und die Stadtverwaltung Belgrads tun ihr Bestes und stellen den Flüchtlingen Dixi-Klos, einen Tankwagen mit Wasser sowie ein Team von Ärzten und Krankenschwestern, die jeden Tag vor Ort sind, zur Verfügung. Darüber hinaus helfen auch die Bürger und bringen Nahrungsmittel, Getränke oder Kleidung. All das ist nicht unbedingt selbstverständlich für ein Land, das die höchste Armutsquote Europas hat.

Nun gibt es Ansätze, die versuchen die serbische Hilfsbereitschaft zu erklären. Es heißt, die Serben wüssten selbst noch allzu gut, wie es ist, ein Flüchtling zu sein oder in kriegsähnlichen Zuständen zu leben. Belgrad selbst ist vor gerade mal 16 Jahren von Bomben getroffen worden.

Ich für meinen Teil hatte die Europäer für so empathisch gehalten, dass nicht zuerst irgendwo eine Bombe einschlagen muss, bis die Europäische Union aktiv wird.

[1] Balkanroute: Griechenland – Mazedonien – Serbien – Ungarn

(af)

Quellen:

http://www.taz.de/!5230022/, 13.09.2015

http://blog.zeit.de/ladurnerulrich/2015/09/02/sie-behandeln-uns-wie-menschen/, 13.09.2015

http://www.welt.de/politik/ausland/article145284979/Das-Wartezimmer-Europas.html, 13.09.2015

http://www.n-tv.de/politik/Ungarn-zaehlt-Tausende-Fluechtlinge-article15919511.html, 13.09.2015

Special Thanks to Robin Berghuijs for letting us use his pictures. (http://lamahange.nl/)

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