newsroom25

Der DSP-Newsblog

Exterior_of_Sultan_Ahmed_I_Mosque_in_Istanbul,_Turkey_002

Terror & Abifahrt

Hinterlasse einen Kommentar

Die Nachricht traf die meisten von uns Zwöfltklässlern wie ein Schlag: Unsere Abifahrt wird abgesagt. Seit die Türkei Luftangriffe gegen Stellungen der ISIS und der Kurdischen Arbeiterpartei PKK fliegt, herrscht in Istanbul Terrorgefahr. In den vergangene Woche ereigneten sich in der Millionenstadt bereits vier Attentate. Das Auswärtige Amt schreibt außerdem, es gebe Hinweise auf mögliche Anschläge auf die U-Bahn und Bushaltestellen in Istanbul. Weiterhin wird empfohlen, „belebte Plätze im innerstädtischen Bereich, Verkehrsmittel des öffentlichen Personennah- und Fernverkehrs sowie Regierungs- und Militäreinrichtungen“ zu meiden. Kein Wunder also, dass Eltern, Lehrer, Schulleitung und auch einige Schüler alarmiert sind. Trotzdem konnten wir vor einigen Tagen endlich aufatmen: Eine Abifahrt findet doch statt, nur geht es eben nicht nach Istanbul. Dank des Engagements unserer Begleitlehrer (Frau Marecki, Herr Uffmann, Herr Frisch) konnte eine Fahrt nach Belgrad organisiert werden. Aber was genau passiert da eigentlich gerade in der Türkei? Und wieso ausgerechnet Istanbul?

Der Konflikt zwischen Kurden und Türken führt mehrere Jahre in die Geschichte zurück. Die Kurden sind eine ethnische Minderheit, die noch nie ein eigenes Land hatte. Bis zum 20.Jahrhundert wurde das Hauptsiedlungsgebiet der Kurden, das sogenannte Kurdistan, von mehreren Völkern besetzt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lösten die Alliierten das Osmanische Reich auf und verteilten die Kurden auf die vier neuen Staaten Türkei, Irak, Iran und Syrien. Der größte Teil der Kurden lebt seitdem in der Türkei und dort gibt es auch die meisten Probleme. Alles begann damit, dass die Türkische Republik nach ihrer Gründung 1923 den Kurden weder die Autonomie noch die Anerkennung als ethnische Minderheit gewährte. Die Kurden hatten kaum Rechte und mussten mit zahlreichen Einschränkungen leben. So durften sie zum Beispiel ihre Sprachen nicht ausüben und kurdische Schulen, Verbände, Parteien, Bücher sowie Zeitschriften wurden verboten. Gleichzeitig wurden die Namen vieler kurdischer Familien und Orte umbenannt und ins Türkische übersetzt. Kurz gesagt: Man untersagte alles, was im entferntesten Sinne Kurdisch war, und leugnete die Existenz der Kurden. Später gab es sogar Zwangsumsiedlungen und militärische Razzien. 1984 wehrte sich die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) schließlich und startete einen Guerillakrieg[1] gegen türkische Regierungseinrichtungen. Das türkische Regime versuchte die Aufstände militärisch niederzuschlagen und so entstand ein Krieg, der fast 30 Jahre andauerte, 30 000 bis 40 000 Menschen das Leben kostete und drei Millionen Kurden zur Flucht zwang.

Heute fühlen sich viele wieder in die damalige Zeit zurückversetzt, denn man hört vom türkischen Präsidenten ganz neue Töne. Es sei nicht möglich einen Lösungsprozess fortzuführen, so Recep Tayyip Erdoğan, der sich 2013 noch für die Rechte und Freiheiten der Kurden einsetzte, und erklärt den einstigen Waffenstillstand für beendet. Doch woher kommt der plötzliche Sinneswandel? Hier kommt die ISIS ins Spiel. Im Kampf gegen das Terrornetzwerk spielen die Kurden eine wichtige Rolle, da ihre grenznahen Gebiete schon lange strategische Ziele des IS sind. Um die Gebiete zu verteidigen oder gar zurückzuerobern, wurden die Kurden in der Vergangenheit unter anderem durch Waffenlieferungen von westlichen Staaten wie Deutschland unterstützt. Außerdem wurden in Bayern kurdische Peschmerga[2] zum Kampf ausgebildet, um dann effektiver gegen die IS-Kämpfer vorgehen zu können. Diesem Unterfangen begegnete die türkische Regierung von Anfang an mit Skepsis, da sie auch heute noch befürchtet, die Kurden könnten die Waffen und das Know-how zum Kampf für einen autonomen Kurdenstaat einsetzen. Selber hat die Türkei in den letzen zwei Jahren wenig zum Kampf gegen die ISIS beigetragen. Dies hat zweierlei Gründe. Einerseits wäre es Erdoğan ganz recht, würde es jemandem gelingen, die syrische Regierung rund um Präsident  Baschar al-Assad zu stürzen. Ob durch syrische Rebellen oder die ISIS – die Türkei wäre einen ihrer größten Gegner los und könnte ihr Machtmonopol im Mittleren Osten sichern. Andererseits gab es für Erdoğan auch nie einen Grund, gegen die Terrororganisation vorzugehen, denn diese hatte sich mit Anschlägen gegen die Türkei bisher zurückgehalten. Bis zum 20.Juli diesen Jahres.

Am 20.Juli 2015 ereignete sich in der türkischen Stadt Suruç ein Selbstmordattentat, bei dem 34 Menschen ums Leben kamen und 76 schwer verletzt wurden. Nach diesem Anschlag, der vermeintlich von der ISIS ausging, rief die türkische Regierung einen „Krieg gegen den Terrorismus“ aus. Damit sagte sie aber nicht nur dem Islamischen Staat den Kampf an, sondern auch der Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Heute fliegt die Türkei täglich Luftangriffe gegen ihr Hauptquartier in den Kandil-Bergen im Nordirak, gegen Stellungen auf türkischem Gebiet und den syrischen PKK-Ableger YPG. Das Problem dabei ist, dass die Türkei dadurch einen der effektivsten Gegner der ISIS schwächt. Viele Länder reagieren deshalb mit Sorge und kritisieren die neue Strategie der Türkei. Ganz im Gegenteil zur USA. Die Vereinigten Staaten gehen im Kampf gegen den IS eine Allianz mit der Türkei ein: Amerikanische Kampfflugzeuge dürfen endlich auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik stationiert werden. Nebenbei tolerieren die Amerikaner Erdoğans Doppelstrategie.

Wem können wir denn jetzt aber die Schuld geben an unserer gescheiterten Istanbulreise? Den Alliierten? Der türkischen Regierung? Der PKK? Den Vereinigten Staaten? Auf jeden Fall sollten wir weder unseren Eltern noch der Schule irgendwelche Vorwürfe machen, denn deren Sorge ist eigentlich verständlich. Der Türkei drohen Anschläge von gleich zwei Terrororganisationen und Istanbul ist aus mehreren Gründen ein attraktives Angriffsziel. Die Stadt ist mit ihren 14,37 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Türkei und gleichzeitig auch noch die Hauptstadt der Kurden. Deshalb rechnen die türkischen Behörden nach zwei Anschlägen auf eine Polizeiwache, den Attentaten auf das US-Konsulat und dem Dolmabahçe-Palast mit weiteren Angriffen.

(af)

Quellen:

http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/TuerkeiSicherheit.html

http://krisen-und-konflikte.de/tuerkei/GESCHICH.HTM

[1] Guerillakrieg: Untergrund- oder Bürgerkrieg gegen die eigene Regierung, Ziele: Unabhängigkeit, Selbstbestimmung

[2] Peschmerga: Kurdischer Begriff für die irakisch-kurdischen Kämpfer

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s