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„Warum hast du ihn umgebracht?“

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Juma Ali, 34, schreit den vermeintlichen Mörder ihres zwölf Jahre alten Sohnes an. Der Mörder, ein Terrorist der ISIS, schaut betreten zu Boden.

Solche Szenen spielen sich im Irak jede Woche ab und das auf den Fernsehbildschirmen von neun Millionen irakischen Zuschauern. Im Griff des Gesetzes, so heißt die Reality-Show des Staatssenders al-Iraqia, in der bereits verurteilte Terroristen mit ihren Opfern konfrontiert werden (SPIEGEL berichtete, Ausgabe Nr.24/6.62015). Der Moderator Ahmed Hassan, der mit dem Geheimdienst zusammenarbeitet, verfügt außerdem über Akten aus dem Gerichtsprozess und liest die Aussagen der Zeugen und die Geständnisse der Täter vor. Bevor diese dann auf die Opfer oder deren Angehörige treffen, werden sie noch über ihre Taten und den IS befragt. Das Zusammentreffen endet dann meist in einem großen Tumult: Die Täter werden beschimpft oder sogar bespuckt und die Angehörigen sind so aufgelöst, dass sie von Hassan getröstet werden müssen. Oft beteuern auch die Täter unter Tränen ihre Reue.

Die Propagandasendung verfolgt das Ziel, die Zuschauer davon abzuschrecken, an Seite der ISIS zu kämpfen. Das Ergebnis: Die Zuschauerzahlen der Sendung wachsen, die ISIS mit ihrer Anhängerschaft aber auch.

Der ausbleibende Erfolg ist nicht der einzige Grund, weshalb man dieses Format hinterfragen sollte. Bei vielen Tätern ist nämlich gar nicht sicher, ob sie tatsächlich einer Straftat schuldig sind. Das irakische Justizsystem ist so kaputt, dass sämtliche Geständnisse oft unter Folter oder durch Korruption zustande kommen. Nicht selten geht es in einem Gerichtsverfahren nur darum, wer mehr Geld bietet. Die Angehörigen des Opfers oder die des Angeklagten?

Dass Schlimme daran ist, dass die Persönlichkeitsrechte der angeblichen Täter überhaupt nicht geschützt werden. Den Zuschauern sind der Name, das Gesicht und sogar der genaue Tatbestand der Anklage der betreffenden Person bekannt. Ihre Würde wird in keinster Weise geschützt oder geachtet, wie es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vorsieht.IMG_0620

Mein jedoch wichtigster Kritikpunkt ist, dass dieses Format Verbechen zu Zwecken der Unterhaltung missbraucht. Stünde die Unterhaltung nicht im Vordergrund, hätte man die Sendung ja schon längst einstellen können, da sie ihr Ziel bislang nicht erreicht hat. Trotzdem muss man sich die Frage stellen: Können wir in Deutschland diesen Weg der Terrorbekämpfung überhaupt verurteilen? Wir, die nicht wissen, wie es ist in Angst und Schrecken vor dem Terror zu leben? Vielleicht gäbe es ein Format wie Im Griff des Gesetzes auch in Deutschland, befänden wir uns in einer solchen Situation. Schließlich werden auch in der ZDF-Show Aktenzeichen XY … ungelöst Verbechen von Diebstählen bis zu Entführungen ‚aufgedeckt‘. Die Sendung hat für viele einen hohen Unterhaltungswert und tatsächlich sehen sie die wenigsten Menschen aus Interesse oder dem Willen zu helfen an. Der große Unterschied zum irakischen Format aber ist: Die Täter werden nicht bloßgestellt. Gewalt wird nicht mit Gewalt bekämpft. Und tatsächlich gibt es auch im Irak alternative Formate. Eine Comedy-Show names „Staat der Mythen“ setzt beispielsweise eine andere Waffe ein: Humor.

(af)

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